Ist das Bindungsangst?

  • Hallo Zusammen,


    ich bin neu in diesem Forum und habe mich vor Kurzem von meiner Freundin getrennt, mit welcher ich 5 Jahre lang zusammen war. Ich möchte euch im Folgenden den Verlauf dieser Beziehung schildern sowie die seltsamen Verhaltensweißen meiner Ex-Freundin erklären. Vielleicht könnt ihr mir ja eine Erklärung geben bzw. weiterhelfen und sagen, ob es sich hier um Bindungsangst handeln könnte.


    Die Beziehung hat relativ normal angefangen. Wir hatten uns Abends beim Weggehen kennengelernt und danach mehrmals getroffen. Sie war sehr aktiv und hat sich wirklich in mich verliebt, das konnte man ganz klar spüren. Nach ca. einem Monat waren wir ein Paar, daraufhin wurde es "irgendwie komisch" alles. Folgende Verhaltensweißen (auch für Außenstehende) waren zu erkennen:


    - Sie wollte, obwohl sie immer wieder betonte wie toll ich sei, nie lange küssen. Beim Küssen hatte sie das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Dies hielt sich bis zum Ende der Beziehung.


    - Sex war auch von Anfang an ein schwieriges Thema. Sie war hierbei nie wirklich entspannt und ein Vorspiel hatte auch nie stattgefunden


    - Eigene Fehler zugeben, ging gar nicht. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie jemals zu mir "Entschuldigung" gesagt hätte. An Streitereien war immer nur ich schuld.


    - Gab es Streit, flüchtete sie meistens aus dem Haus und meldete sich danach tagelang nicht. Immer musste ich mich wieder melden. Eine ehrliche Aussprache war auch nicht möglich.


    - Damals wohnten wir beide noch bei unseren Eltern und sahen uns auch nur an den Wochenenden. Obwohl sie Abends nur ein paar Kilometer von meinem Wohnort vorbeifuhr, waren Treffen unter der Woche tabu. Begründung: Ich bin Abends zu müde und muss meine Dinge erledigen.


    - Als vor Eingen Jahren meine Katze überfahren wurde (sie selbst ist auch großer Katzenfan) konnte sie mich überhaupt nicht trösten. Es gab nicht mal eine Umarmung, obwohl ich geheult habe


    - Sie hatte eigentlich keine Empathie für andere Menschen


    - Die Treffen am Wochenende waren zeitlich von ihr genau geplant. Mehr Zeit zusammen war nicht drin für sie


    - Oft sagte sie gemeine Sachen zu mir wie z.B.: Du bekommst die Stelle sowieso nicht! Es folgte auch hierauf keine Entschuldigung sondern darauf angesprochen meinte sie, ich wäre selbst schuld gewesen, da es ja zuvor (wegen einer Lappalie) einen Streit gegeben hatte.


    - Dinge, die ein normales Konfliktpotential hatten (z.B. welche Partei man wählt), wurden von ihr komplett vermieden. Sie machte hier komplett dicht.


    - Zärtlichkeiten gingen von ihr (außer Händchenhalten) nie aus.


    - Vor Freunden / Familie hat sie sich allerdings schon zu mir bekannt und auch Wert darauf gelegt, dass ich Zeit mit ihrer Familie verbringen sollte.


    - Sie hat ihre, meiner Ansicht nach total kalte und distanzierte Mutter, verehrt und irgendwie immer in Schutz genommen. Sie hat ständig ihre Aufmerksamkeit gesucht und sich über Kleinigkeiten, die für eine gesunde Mutter völlig normal wären, total gefreut. Wenn die Mutter ihr ausnahmsweise mal Aufmerksamkeit geschenkt hat, war ich abgemeldet bei ihr.


    - Der Vater war ebenfalls stark distanziert. Dies hat sie auch regelmäßig betont (er war Alkoholiker)


    - Meine Familie konnte sie nie wirklich leiden, obwohl meine Eltern sich immer Mühe gegeben haben und nett zu ihr waren.


    - Als ich einmal unangemeldet zu ihr gekommen bin, flüchtete sie Nachts aus dem Bett (ohne erkennbaren Grund).


    Die Beziehung lief so ca. 4 Jahre, mal besser, mal schlechter. Da es ja im Prinzip eine Fernbeziehung war, waren ihre vermutlichen Ängste kontrollierbar und irgendwie hatte ich mich mit ihrer seltsamen Art arrangiert, da sie auch ihre netten Seiten hatte und ich sie eben nahm, wie sie war. Vor einem Jahr dann sind wir zusammengezogen (ich dachte, es würde dadurch besser werden mit uns). Es war nicht ihr Wunschort, deswegen war sie schon von Anfang an, irgendwie schlecht auf mich zu sprechen. Ich dachte, das Heimweh würde sich legen und war recht optimistisch. Als wir dann zusammen wohnten, gab es folgende Auffälligkeiten:


    - Sie fuhr mindestens 2 mal in der Woche nach Hause. Dort wunderten sich auch schon ihre Eltern über dieses Verhalten.


    - Sie beteiligte sich wenig am Haushalt


    - Eine gemeinsame Haushaltskasse kam nicht in Frage


    - Wenn sie Abends nach Hause kam, war sie meistens schlecht gelaunt, ohne erkennbaren Grund


    - Sie warf mir vor, sie nicht genügend zu beachten (ich durfte Abends keine Serien auf meinem Tablett anschauen)


    - Wenn ich länger arbeiten musste, war sie sauer, dass ich nicht zuhause war und sie "alleine sitzen ließ"


    - Vor einigen Monaten habe ich einen sehr gut bezahlten Job erhalten. Dies wäre eigentlich ein Grund zur Freude für uns beide gewesen, allerdings meinte sie nur dazu: "ist ja dein Geld, ich habe nichts davon".


    - Bei Streitereien fuhr sie meistens heim zu ihren Eltern


    - Sie wollte eigentlich nie Besuch haben. (Außer ihre beste Freundin)


    - Wenn mich meine Eltern oder Freunde angerufen haben (ca 3 mal in der Woche), saß sie daneben und war sauer und warf mir vor, dass diese Personen mir wichtiger wären als sie.


    Letztendlich habe ich dieses Verhalten nicht mehr ausgehalten und mich vor einigen Wochen getrennt. Heute kann ich mir selber nicht erklären, warum ich dieses Verhalten so lange mitgemacht habe. Als ich im Internet die Symptome gegoogelt habe, bin ich auf Bindungsangst, Narzissmus sowie passive Aggression gestoßen. Wie ist eure Meinung dazu? Liege ich falsch oder ist an meinen Vermutungen etwas dran?


    Ich danke euch für eure Hilfe!

  • Hallo Markpark,
    willkommen hier im Forum. Zuerst mal gratuliere ich dir zu deinem Schritt, diese Beziehung zu beenden. Das muss sich wirklich niemand antun.
    Diese Symptome sind so ineinander verwachsen, dass ich denke, dass da mehrere Sachen zutreffen. Ob da Beziehungsangst auch dazu gehört, kann ich von hier nicht beurteilen. Ich könnte mir auch gut eine narzisstische Störung vorstellen. Und dass die Rückzüge eine Art Bestrafung sein sollten. Aber wie gesagt, es ist eine Vermutung.
    Ihre Neigung zur Bösartigkeit ist, denke ich, nicht zu übersehen. Sie will die absolute Kontrolle über dich, bekommt sie die nicht, reagiert sie wie ein trotziges Kind.
    Auch diese Unfähigkeit zu lieben, finde ich sehr auffällig. Diese Verliebtheit am Anfang sehe ich sehr zwiegespalten. Vielleicht waren da auch einfach nur ihre Bedingungen erfüllt. Echte Liebe lese ich da leider nicht. Damit will ich sie aber nicht schlecht machen. Keiner von uns hat sich seine Vorgeschichte ausgesucht, und wir werden alle durch unsere Vergangenheit geprägt. Aber vielleicht kennt sich hier jemand anders besser mit diesen Symptomen aus.
    Liebe Grüße
    Petra

  • Hallo Petra,


    vielen Dank für deine Antwort. Ich hatte auch das Gefühl, dass sie mich mit dem Ignorieren bestrafen wollte. In ihren Augen war ich sowieso nur der erfolgreiche, vom Glück verfolgte Mann, der sich gefälligst mit ihr und ihren Problemen zu beschäftigen hatte. Dass auch ich manchmal Kummer hatte, hat sie nicht erkannt (obwohl ich es gesagt habe) oder wollte sie nicht wissen. Sie konnte in meinen Augen nur nehmen, und sehr wenig geben. Ich habe mich manchmal an meine Zivizeit im Demenz Altersheim zurückerinnert, da man auch hier immer Verständnis (natürlich zurecht) aufbringen musste und gute Nerven benötigte.

  • Versuch dich von dieser Erfahrung zu befreien und fange mit einer anderen Frau nochmal von vorne an. Egal was es bei ihr ist, du kannst niemanden heilen, der nicht gesund werden will. Vielleicht wäre es für dich noch interessant zu ergründen, wieso ihr beiden zusammen gekommen seid. Damit dir das nicht nochmal passiert. Und dann wünsche ich dir für den nächsten Versuch alles Gute.

  • Hi du!


    Ich möchte mal etwas schreiben, was ich hier im Forum noch nie geschrieben habe.
    "Bindungsangst" als einzelne Diagnose gibt es garnicht. Also kein Therapeut dieser Welt würde auf sein Zettelchen "Bindungsangst" als Diagnose notieren. Diese Definition als Einzelne existiert nicht. Sie resultiert als Begleiterscheinung, als Symptom, wenn man denn so will.


    Keiner von uns hier im Forum kann pauschal jetzt sagen "Jo, ist Bindungsängstlich" oder "Ne, isses nicht".
    Psychologie ist weitaus komplexer. Menschen können bindungsängstlich/bindungsvermeidend sein, bzw. sich so verhalten; die Verhaltensmuster sehen dann hier im Vergleich oftmals echt ferflixt ähnlich aus, ja...weil´s das "Symptom" ist. Die Ursachen sind iiiiirre vielfältig.
    In der Tiefenpsychologie spricht man zB von Persönlichkeits-Strukturen. Und die sind individuell wie Fingerabdrücke. Stumpf gesagt; der eine Mag vielleicht gerne Spiegelei, dafür kein Rührei. Ein anderer lieber Rührei. Die beiden sind verschieden, obwohl beide Eier mögen.
    Niemand ist "einfach nur" Narzisst, oder Borderliner, oder sonstwas. Theoretisch trägt jeder von uns ein Bisschen von Allem in sich. Vollkommen normal und ok. Nicht jeder der sein Spiegelbild gut findet, ist Narzisst. Es kommt auf die Feinheiten an, auf die Ausprägung und darauf, ob es uns "behindert". Es gibt Menschen mit stark bindungsängstlichen Zügen, die können wunderbare Freundschaften führen, nur eben keine Liebesbeziehungen. Und es gibt Menschen, die können sich auf keine Form von zwischenmenschlichr Beziehung einlassen.
    Ähnlich würde ich es an deiner Stelle mit Beziehungen sehen. Besonders in dem Fall mit deiner Ex.
    Es ist einfach anzunehmen, dass die Grunddynamiken eben "einfach" nicht passten. Wenn dir schon auffiel, dass etwas für dich befremdlich wirkte an der Beziehung, müssen wir davon ausgehen dass da auch unbefriedigte Bedürfnisse in dir schlummerten/schlummern. Also die Beziehung hat dich nicht 100% erfüllt.
    Egal was deine Exfreundin hat oder hatte, ändern kann es Niemand. Das "Symptom" Bindungsangst lässt sich nicht einfach beheben. Mittels Therapie müsste man die Ursache herausfinden, der Bindungsängstliche Mensch müsste sich trauen sich auf die Therapie und die Beziehung zum Therapeuten einzulassen (70% brechen deswegen ab, meinte meine Therapeutin mal). Und selbst dann ist der Ausgang der Therapie vollkommen unklar. Ziel einer Therapie ist es vorrangig zu reflektieren, nicht umzukrämpeln.
    Es ist also leichter unf sinnvoller für dich (in meinen Augen) wenn du dir bewusst machst, dass DU aus guten Gründen aus dieser Beziehung ausgestiegen bist. Diese Gründe werden oder würden nämlich ziemlich sicher exakt so bleiben.
    Erfahrungsgemäß bringen auch weitere Runden in einer solchen Beziehung nämlich keine Veränderung.

    Sex won´t make someone commit.

    Physical attention won´t make someone commit.

    Being perfect won´t make someone commit.

    The ONLY thing that will make someone commit is someone that´s ready for commitment.

    Never forget that.