Die Rolle von emotionalen Flashbacks bei Entwicklungs- und Bindungstrauma

  • Synne hat mich in einem anderen Thread gebeten, etwas zu emotionalen Flashbacks bei Entwicklungs- und Bindungstrauma zu schreiben. Soweit ich gelesen habe, spielen sie bei KPTBS, also komplexen postraumatischen Belastungsstörungen nach Entwicklungs oder Bindungstrauma eine Riesenrolle.

    Ich hatte darüber - soweit ich mich erinnere - Genaues bei Bessel van der Kolk "Das Trauma in Dir" gefunden. Suche bei Gelegenheit in dem fetten Schinken einmal danach.


    Vorab habe ich auf der Seite "www.praxis-psychologie-berlin.de" schon einmal Folgendes gefunden:


    Die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale der cPTBS:


    Die komplexe PTBS ist eine schwerere Form der posttraumatischen Belastungsstörung. Sie unterscheidet sich von anderen Formen der Belastungsstörung durch fünf ihrer häufigsten und

    belastenden Merkmale:

    1. emotionale Flashbacks,
    2. toxische Scham,
    3. Selbstaufgabe,
    4. ein bösartiger innerer Kritiker und
    5. soziale Ängste.

    Emotionale Flashbacks


    Emotionale Flashbacks sind vielleicht das auffälligste und charakteristischste Merkmal der cPTBS. Überlebende von Missbrauch und Vernachlässigung sind extrem anfällig für schmerzhafte emotionale Flashbacks, die typischerweise keine visuelle Komponente haben. Sie sind plötzliche und oft langanhaltende Rückfälle in die überwältigenden Gefühlszustände eines missbrauchten, ungewollten oder verlassenen Kindes. Zu diesen Gefühlszuständen gehören überwältigende Angst, Scham, Entfremdung, Wut, Trauer, Depression und unsere 4 F.


    Wenn Kinder hasserfüllt angeschrien werden, fühlt sich das möglicherweise für sie an wie ein tobender heißer Wind, der sie packt und wegreißt, oder als ob das Innere ausgeblasen würde, wie die Flamme einer Kerze. Im emotionalen Flashback taucht dann genau diese Empfindung beim Erwachsenen in Triggersituationen auf. Der Zustand ist nicht nur unerträglich, sondern auch verwirrend, bis deutlich wird, dass es ein intensiver emotionaler Flashback ist, eine Rückkehr in die zahllosen Situationen, in denen der Betroffene als Kind von der Wut der Eltern in Angst, Scham, Dissoziation und Hilflosigkeit stürzte. Deswegen weckt der emotionale Flashback intensive Reaktionen des Angriffs, der Flucht, der Erstarrung oder der Unterwerfung, zusammen mit einer Stressreaktion des sympathischen Nervensystems, des Teils des Nervensystems, der vegetativ Erregung und Aktivierung steuert. Betroffene fühlen sich extrem ängstlich, panisch. Oder es entsteht ein Gefühl der tiefen Betäubung, Lähmung und der verzweifelte Wunsch, sich zu verstecken. Gefühle, klein, nichtswürdig, zerbrechlich, machtlos und hilflos zu sein – demütigende und erdrückende toxische Scham – überlagern alle diese Empfindungen


    Hoffe das Hilft. Ein Austausch darüber ist bestimmt auch interessant.

  • interessant!

    Das Buch von von der kolk habe ich auch. Muss ich nochmal wieder lesen.


    Ich habe über Flashbacks gelesen und habe auch eine gute Freundin mit kPTBS die mir beschrieben hast, wie das für sie ist.

    Also dass sie komplett in der Zeit zurück gezogen wird und alles wie damals wiedererlebt und sie erstarrt und hilflos fühlt.


    Ich würde mich zur Kategorie Entwicklungstrauma zählen.

    Bisher würde ich sagen, ich hatte nichts von dem ich sagen würde, dass könnte ein Flashback gewesen sein.


    Ich kenn es aber, aus dem Window of tolerance zu knallen. Wo ich mich emotional nicht mehr richtig selbst reguliert bekomme.

    Das hatte ich bei Liebeskummer (früher auch bei Freundschaften aber inzwischen nicht mehr)

  • Ich habe mir meine starken emotionalen Reaktionen bei den Rückzugsmanövern meines bindungsängstlichen Gegenübers nach viel Recherche so erklärt.


    Dass so etwas weh tut ist eines, aber wenn man dann in einen emotionalen Ausnahmezustand gerät (wirklich gefühlt im Überlebensmodus mit Herzrasen, so etwas wie Panik, bei mir auch immer großer Zorn aufgrund des Verrats) dann ist das wohl eher etwas Altes und ich meine, durch den Trigger dann emotionale Flashback zu erleben.

    Wenn ich genauer in mich hineinspüre, erlebe ich das auch in Freundschaften, nur nicht so stark. Oft stammt das wiederaufkommende unangemessen starke Gefühl aus der Vergangenheit.

    Bei der zweiten Runde mit dem bindungsängstlichen Mann hatte ich es gut im Griff, indem ich erst einmal nicht reagiert, sondern ein, zwei Nächte darüber geschlafen habe. Dann war ich wieder heruntergekommen. Genauso handhabe ich es in Freundschaften.


    Aber ich fände es für mich wertvoll die "Wurzel des Übels" bearbeiten zu können und nicht mehr Verhalten von anderen Menschen durch die Brille des verletzten Kindes zu sehen, dass sowieso immer nur mit Verrat rechnet ;)


    Von daher finde ich das Wissen um die emotionalen Flashbacks wertvoll.

  • dass Gefühls-Trigger immer etwas altes berühren, da geh ich voll mit.


    Das sind ja dann immer alte Wunden bzw gelernt Glaubenssätze.


    Würdest du sagen, dass diese Trigger quasi immer auch Emotionale Flashbacks sind?

    Oder wo wäre der Unterschied?

  • IBei der zweiten Runde mit dem bindungsängstlichen Mann hatte ich es gut im Griff, indem ich erst einmal nicht reagiert, sondern ein, zwei Nächte darüber geschlafen habe.

    Wie hast du es geschafft nicht zu reagieren? Das ist genau richtig, weil man in solchen Zuständen für sich selbst keine Entscheidung treffen kann, die einem wirklich entspricht. Man ist ja nur Angst und Abwehr. Aber es ist auch ein immenser Kraftakt.


    Zitat

    Aber ich fände es für mich wertvoll die "Wurzel des Übels" bearbeiten zu können und nicht mehr Verhalten von anderen Menschen durch die Brille des verletzten Kindes zu sehen, dass sowieso immer nur mit Verrat rechnet ;)

    EMDR ist sehr gut in seiner Wirkung erforscht und wird als hilfreiche Therapie empfohlen.

  • Würdest du sagen, dass diese Trigger quasi immer auch Emotionale Flashbacks sind?

    Oder wo wäre der Unterschied?

    Das ist echt schwer zu sagen. Wenn man getriggert ist, hat es ja mit der eigenen Vergangenheit zu tun. Ich weiß nicht wo ein emotionaler Flashback anfängt. Für mich ist es ein Ausnahmezustand, der nicht durch die aktuelle Begebenheit gerechtfertigt ist und ein altes Erleben, das alte Gefühle wieder kompett auf dem Plan ruft, so dass man dagegen machtlos ist. Ich meine, dass graduell viele Menschen damit zu tun haben.

    Begriffe wie "Trauma" und "Flashback", klingen immer so dramatisch, aber das existiert ja in graduellen Abstufungen. Leute wie Verena König oder Dami Charf fassen den Begriff "Trauma", so wie ich es verstanden habe, weiter. Es geht eben um Kindheitswunden, die verarztet werden müssen. Nicht jede KPTBS äußert sich in richtig großen Schwierigkeiten. Bei dem Konzept geht es ja weniger darum jemanden zu pathologisieren, als um das Verständnis der Zusammenhänge und wie man damit umgehen kann.

    Wie hast du es geschafft nicht zu reagieren? Das ist genau richtig, weil man in solchen Zuständen für sich selbst keine Entscheidung treffen kann, die einem wirklich entspricht. Man ist ja nur Angst und Abwehr. Aber es ist auch ein immenser Kraftakt.

    Ich wusste mittlerweile, dass ich mich in einem emotionalem Ausnahmezustand befinde, bemerkbar an körperlichen Reaktionen und hab deswegen entschieden, erst einmal nicht zu reagieren, kopfmäßig. Aber ich kam dann auch in ein, zwei Tagen wieder runter. Gebracht hat es in der Beziehung nichts, außer, dass ich mir nichts vorzuwerfen habe, an Ausrastern, Nachlaufen, etc. Allerdings schäme ich mich für so etwas auch über die Maße. Ich wollte mir absolut keine Blöße geben und das ist vielleicht auch nicht das richtige Motiv. Ich merke aktuell - auch in Freundschafenten - dass das eine Rolle spielt. Authentisch zu sich selbst Stehen ist das auch nicht. Ich arbeiten daran...


    EMDR ist sehr gut in seiner Wirkung erforscht und wird als hilfreiche Therapie empfohlen.

    Das werde ich in meiner neuen Therapie auf jeden Fall einmal ansprechen. Ich bin diese Mal bereiter, die Hosen runter zu lassen und ich weiß, dass es schmerzhaft wird. Das war ich vorher nicht. Ein Schritt nach vorne...

  • Das ist echt schwer zu sagen. Wenn man getriggert ist, hat es ja mit der eigenen Vergangenheit zu tun. Ich weiß nicht wo ein emotionaler Flashback anfängt. Für mich ist es ein Ausnahmezustand, der nicht durch die aktuelle Begebenheit gerechtfertigt ist und ein altes Erleben, das alte Gefühle wieder kompett auf dem Plan ruft, so dass man dagegen machtlos ist. Ich meine, dass graduell viele Menschen damit zu tun haben.

    Begriffe wie "Trauma" und "Flashback", klingen immer so dramatisch, aber das existiert ja in graduellen Abstufungen. Leute wie Verena König oder Dami Charf fassen den Begriff "Trauma", so wie ich es verstanden habe, weiter. Es geht eben um Kindheitswunden, die verarztet werden müssen. Nicht jede KPTBS äußert sich in richtig großen Schwierigkeiten. Bei dem Konzept geht es ja weniger darum jemanden zu pathologisieren, als um das Verständnis der Zusammenhänge und wie man damit umgehen kann.

    Hmm,

    Also ich hatte Anfang des Jahres ja wieder eine schlimme Zeit, wo ich aus meinem Window of tolerance rausgeknallt bin und wieder in meine alten Gedankenmuster gerutscht bin.

    Da hatte ich teilweise noch Therapeutische Begleitung (unregelmäßig!)

    Und meine Therapeutin meinte da, dass ich zu sehr das "weg" haben will, was ist und mehr in die Akzeptanz gehen soll.

    Und mehr in die Selbstfürsorge

  • Ja, ich glaube die negativen Gedankenmuster kennen hier alle. Das sind ja diese inneren Kritiker, die man durch Aussagen oder das Verhalten von Bezugspersonen aus der Kindheit übernommen hat.

    Emotionale Flashbacks sind eher ein plötzliches komplettes emotional-nervliches Disreguliertsein wegen eines Ereignisses/Triggers das eigentlich kein Anlass für so ein Ausnahmezustand sein sollte. Eben so ein Gefühl, das aus einer Zeit stammt, als man dem noch ziemlich ohnmächtig gegenüber stand.


    Hattes Du erst so ein Gefühl und dann kamen die Gedanken?


    Wenn man disreguliert ist, hilft ja Akzeptanz eher nicht? Was ganz genau los ist, versteht man ja selbst oft gar nicht, beziehungsweise muss dem erst einmal auf den Grund gehen, woher es kommt.

    Aber bei Grundgefühlen aufgrund von vielleicht auch weit vergangenen Ereignissen, wie Wut, Trauer, etc. hilft es schon. Vielleicht meinte Deine Therapeutin auch, dass Du zu streng mit Dir selbst bist und Stress aufkommt, weil Du zu genervt davon bist, dass Du immer noch manchmal aus dem Toleranzfenster kippst?


    Ganz schön schwer, auf den Punkt zu bringen, finde ich.


    Das sagt das Netz, zusammengefasst:


    "Emotionale Flashbacks sind das plötzliche Erleben vergangener, traumatischer Gefühle (Hilflosigkeit, Angst), oft ohne klare Bilder, wodurch man sich der Realität entfremdet, während "Aus dem Toleranzfenster fallen" (Window of Tolerance) beschreibt, wenn die emotionale Belastung so groß wird, dass man in einen Zustand der Übererregung (Kampf/Flucht) oder Untererregung (Erstarrung/Dissoziation) gerät, was durch Flashbacks ausgelöst werden kann, aber auch durch andere Stressoren. Es ist der Zustand der emotionalen Überforderung. Der Unterschied liegt darin, dass Flashbacks die Ursache (das "Was" der Erinnerung) sind, während das Fallen aus dem Toleranzfenster die Reaktion (das "Wie" der emotionalen Bewältigung) beschreibt, oft eine Folge des Flashbacks"

  • Allerdings schäme ich mich für so etwas auch über die Maße. Ich wollte mir absolut keine Blöße geben und das ist vielleicht auch nicht das richtige Motiv. Ich merke aktuell - auch in Freundschafenten - dass das eine Rolle spielt. Authentisch zu sich selbst Stehen ist das auch nicht. Ich arbeiten daran...

    Same here! Toxische Scham ist bei mir sehr ausgeprägt, vermutlich aufgrund des jahrelangen Mobbings in der Schule. Sich verletzlich zu zeigen, hat für mich alles noch schlimmer gemacht, weshalb ich dieses Verhalten irgendwann abgelegt habe.


    Das macht die Flashbacks allerdings nicht weniger belastend. Alles mit sich selbst auszumachen, macht auf lange Sicht einsam und in meinem Fall auch depressiv.

  • "Emotionale Flashbacks sind das plötzliche Erleben vergangener, traumatischer Gefühle (Hilflosigkeit, Angst), oft ohne klare Bilder, wodurch man sich der Realität entfremdet, während "Aus dem Toleranzfenster fallen" (Window of Tolerance) beschreibt, wenn die emotionale Belastung so groß wird, dass man in einen Zustand der Übererregung (Kampf/Flucht) oder Untererregung (Erstarrung/Dissoziation) gerät, was durch Flashbacks ausgelöst werden kann, aber auch durch andere Stressoren. Es ist der Zustand der emotionalen Überforderung. Der Unterschied liegt darin, dass Flashbacks die Ursache (das "Was" der Erinnerung) sind, während das Fallen aus dem Toleranzfenster die Reaktion (das "Wie" der emotionalen Bewältigung) beschreibt, oft eine Folge des Flashbacks"

    Hmm, ich kann immer noch nicht sagen, ob ich Flashbacks habe.

    Bei mir ist es jedenfalls das Gefühl von Ablehnung, Welches mich Triggert, so dass ich aus dem window rausknalle.

    Früher bei allen Menschen, dann bei Freundschaft und Beziehung.

    Inzwischen nur noch bei Liebeskummer


    Bei mir ist es definitiv nicht so krass, wie bei Ano.

    Ich fühle mich zwar völlig überfordert und überschwemmt von meinen Gefühlen dann und kann kaum an etwas anderes denken, mein Appetit leidet, mein Schlaf und Aufmerksamkeit auch. Aber es ist nicht dieser völlige Shutdown, wo nichts mehr geht oder nichts mehr funktioniert

  • Bei mir ist es definitiv nicht so krass, wie bei Ano.

    Ich fühle mich zwar völlig überfordert und überschwemmt von meinen Gefühlen dann und kann kaum an etwas anderes denken, mein Appetit leidet, mein Schlaf und Aufmerksamkeit auch. Aber es ist nicht dieser völlige Shutdown, wo nichts mehr geht oder nichts mehr funktioniert

    Diese Dinge treten ja bei verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich stark auf.


    Bei Liebeskummer ist die "Ablehnung" ja aber ein real schmerzhaftes Ereignis, was dann bei Dir offensichtlich eine enorme Reaktion auslöst.

    Ich weiß ich auch nicht genau, ob da emotionale Flashbacks eine Rolle spielen. Vermutlich hast Du Dich als Kind abgeleht gefühlt, aber ist es jetzt das Aufleben des starken Schmerzes von früher oder ein übersteigertes Erleben des Schmerzes von jetzt wegen der negativen Glaubenssätze, die aus der Kindheit resultieren? Das finde ich auch schwierig zu beurteilen. Das kann vermutlich nur ein Experte oder eine Expertin beantworten.

  • Ich weiß ich auch nicht genau, ob da emotionale Flashbacks eine Rolle spielen. Vermutlich hast Du Dich als Kind abgeleht gefühlt, aber ist es jetzt das Aufleben des starken Schmerzes von früher oder ein übersteigertes Erleben des Schmerzes von jetzt wegen der negativen Glaubenssätze, die aus der Kindheit resultieren? Das finde ich auch schwierig zu beurteilen. Das kann vermutlich nur ein Experte oder eine Expertin beantworten.

    Ich würde es wohl selbst nicht als Flashbacks betiteln. Für mich sind Flashbacks wirklich so stark, dass die wirklich zum shutdown führen. Sogar zur Dissoziation.

    Und es liegen wirklich krasse Ereignisse als Kern zugrunde, ein Gefühl der völligen überforderung, in die man zurückgerissen wird


    Ich würde sagen, bei mir ist es außerhalb des Windows aber kein Flashback.


    Und ja, ich hab mich abgelehnt gefühlt als Kind.

    So richtig abgelehnt wurde ich (objektiv)nicht, aber meine Eltern waren überfordert und (psychisch) krank und ich sehr sensibel. Und da haben sie vieles nicht gut gemacht. Muss man einfach so sagen.

    Aber es gab keine wirklich traumatischen Erlebnisse und sie waren auch immer für mich da.


    Aber da haben sich natürlich die glaubenssätze eingebrannt.

  • Ja, das macht so auch Sinn. Dann sind einfach die Glaubenssätze sehr hartnäckig. Was genau in der Tiefe so juckt, ist eben unterschiedlich. Wobei wir hier wohl alle mit negativen Glaubenssätzen zu kämpfen haben.


    Ich finde das alles ganz schön schwer aufzudröhseln, triggert etwas einen emotionale Flashback (starke Emotionen aus der Vergangenheit) und der dann negative Glaubenssätze oder triggert etwas negative Glaubenssätze, die dann extreme Emotionen auslösen?
    Wahrscheinlich ist beides möglich.